Was glaubt die Internetgemeinde?

Kennen Sie das Gefühl, sehnsuchtsvoll im Internet zu suchen, ohne genau zu wissen, was Sie eigentlich suchen? Das Internet bietet nicht nur schier unbegrenzte Informationen, sondern es frisst auch schier unbegrenzte Mengen an kostbarer Zeit – ohne dass wir diesen Verlust als solchen Empfinden. Woran liegt das?
Ich glaube, dass das Internet in der Lage ist, tiefere Sehnsüchte im Menschen anzusprechen, als diejenigen, die wir uns eingestehen, wenn wir gefragt werden. Das Internet bietet jedes erdenkliche Vergnügen, das man sich leisten kann und ist leichter zu erreichen, als ein Buch im Regal des gleichen Zimmers. Es bietet theoretisch unendliche Bekanntheit, unendliche Kontaktmöglichkeiten, Berufsmöglichkeiten, Studienkurse, Gesellschaft…und es bietet das Gefühl, nicht kontrolliert zu werden. Jeder kann sich schlecht benehmen und sexuelle Normen ignorieren, ohne dass er dabei blöd auffällt.
Das Internet bietet eigentlich alles, was man von einem virtuellen Paradies erwarten kann: alles ist theoretisch denk- und machbar. Es erfüllt die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, von dem sich der Mensch noch nie so richtig verabschieden konnte. Diese Sehnsucht hat in der europäischen Geschichte schon die eigenartigsten Blüten getrieben: in den diversen okkulten Strömungen gab es immer wieder Versuche, in freizügigen Orgien, alle (insbesondere sexuellen) Tabus der Gesellschaft abzulegen und in einer ekstatischen Versammlung etwas von der ursprünglichen Freiheit zurück zu gewinnen. “Was glaubt die Internetgemeinde?” weiterlesen

Mircea Eliade über kulturelle Zeitströmungen

Woran liegt es, dass wir manche Theorien der Geistesgeschichte auch nach Jahrhunderten in jedem Buchladen und in allen denkbaren Ausgaben finden, während andere für immer in Vergessenheit geraten? Woran liegt es, dass manche Interpretationen in den Bildungskanon des Bürgertums aufgenommen werden, während andere als unwichtig abgetan werden?
Mircea Eliade, einer der bedeutendsten Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, kommt zu einem Ergebnis, das nachdenkliche Menschen wohl schon befürchtet haben: „Einer der faszinierendsten Aspekte der „kulturellen Zeitströmungen“ ist, dass es völlig unerheblich ist, ob die fraglichen Fakten und ihre Interpretation richtig oder falsch sind. Keine noch so heftige Kritik kann einer Moderichtung Einhalt gebieten.“
Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Das Okkulte und die moderne Welt – Zeitströmungen in der Sicht der Religionsgeschichte“. Es handelt sich m.W. um sein einziges Buch, in dem er sich explizit mit dem Westen und seinen verborgenen religiösen Verwicklungen bis in die jüngere Vergangenheit beschäftigt. Eliade übergeht „Moderichtungen“ nicht einfach mit einem Kopfschütteln, sondern sieht in ihnen die Möglichkeit, etwas über die „Unzufriedenheiten, Wünsche und Sehnsüchte des abendländischen Menschen“ zu erfahren.
Eine dieser Moderichtungen und Mode-Deutungen ist Freuds „Totem und Tabu“, in dem Freud die Ursprünge der Religion in einer Art Ur-Vatermord vermutet. Wer sich die ehrfürchtigen und völlig ernsthaften Rezensionen auf Amazon zu diesem Buch durchliest, kann sich kaum vorstellen, dass dieses Buch wissenschaftlich bedeutungslos ist.

„Umsonst bewiesen die Ethnologen jener Zeit, von W.H.Rivers und F.Boas bis hin zu A.L.Kroeber, B.Malinowski und W.Schmidt die Absurdität eines solchen uranfänglichen „totemistischen Gastmahles“. Vergeblich wiesen sie darauf hin, dass man in den Anfängen der Religion einen solchen Totemismus nicht finden kann, dass er keine univiersale Erscheinung ist; nicht alle Völker haben ein „totemistisches Stadium“ durchlaufen. Umsonst hatte schon Frazer den Beweis erbracht, dass von den vielen hundert totemistischen Stämmen nur vier einen Ritus kannten, der dem zeremoniellen Töten und Verzehren des „Totemgottes“ entsprach (ein Ritus, den Freud als unumstßliches Merkmal des Totemismus ansah). Und schließlich hat dieser Ritus mit dem Ursprung des Opferkultes nichts zu tun, ist doch der Totemismus in den älteren Kulturen überhaupt nicht zu finden. Vergeblich wies Wilhelm Schmidt darauf hin, dass die prähistorischen Völker den Kannibalismus nicht kannte, […]
Freud ließ sich durch solche Einwände nicht im geringsten beirren, und jener rohe „abenteuerliche Roman“ ist seither bei drei Generationen abendländischer Intelligenz zu einem kleinen Evangelium geworden.“

Vor diesem Hintergrund ist es auch fraglich, welchen Sinn Begriffe wie „Allgemeinbildung“ oder „Bildungsbürgertum“ haben.