Struktur und Meinung

Die Älteren unter uns können sich vielleicht noch an Eva Herman erinnern. Sie war Journalistin und wurde aus ihrem Berufsstand ausgespuckt, weil sie die politisch falsche Meinung über Autobahnen hatte oder so ähnlich. Aber eigentlich war allen ziemlich klar, dass ihr eigentliches Vergehen ihr Versuch war, in diversen Veröffentlichungen die Rolle der Frau als Mutter zu stärken.
Der nahe liegende Vorwurf, sie sei ja selbst eine Karrierefrau, die sich nicht aufs Muttersein beschränkt habe, kam natürlich prompt und traf voll ins Schwarze. Aber dieser Vorwurf offenbarte eigentlich ein Dilemma mit weitreichenden Folgen: es ist aus strukturellen Gründen unmöglich, eine andere Position als den Feminismus in der Öffentlichkeit zu finden. Alle Frauen, die in Politik und Medien arbeiten, haben sich bereits für ein Modell entschieden, je mächtiger und einflussreicher sie sind, desto stärker kommt dieser Effekt zum Tragen. Auf diese Weise kann sich eine politische Haltung in kürzester Zeit parteiübergreifend durchsetzen, ohne, dass sie jemals diskutiert oder ernsthaft in Frage gestellt wurde.
Das psychologische Konzept, das dabei im Hintergrund arbeitet, ist der bekannte Wunsch des Menschen, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Also im Klartext bedeutet es, dass Menschen versuchen, Widersprüche zwischen Leben und Denken oder Gefühlen und Denken zu vermeiden. Das klingt integer, weil man im ersten Moment an die Fälle denkt, wo sich das Handeln an den Überzeugungen orientiert. Die Vermeidung kognitiver Dissonanzen ist aber in der Regel eine kognitive Vermeidung, d.h. das Denken wird an das Handeln angepasst.

Wenn man Probanden in einem Experiment eine große Belohnung für eine langweilige Aufgabe gibt, die sie erledigen mussten, und sie fragt, wie ihnen das Experiment gefallen hat, dann geben sie ehrlich zu, dass es totlangweilig war. Gibt man ihnen keine Belohnung und fragt sie, finden sie es spannend. Die ersten konnten ihre nutzlose Tätigkeit mit der Belohnung vor sich rechtfertigen. Die zweite Gruppe hatte diese Option nicht und log sich fleißig in die Tasche. Auf diesem Weg funktioniert übrigens auch die Bewusstseinsprägung in Diktaturen: man verbietet einfach Kritik, und siehe da, die Menschen finden die Partei hinterher wirklich oft gut. Man verbietet bestimmte Bücher, Filme, Lebensentwürfe, Meinungen und siehe da: eine beachtliche Gruppe mag das Zeugs nicht mehr. Jemand, der sich ein teures Produkt nicht leisten kann, redet oft schlechter darüber, als Leute, die es sich leisten können usw…
Da dieser Effekt viel weitreichendere Konsequenzen hat, als es das Beispiel mit dem öffentlichen Feminismus vermuten lässt, möchte ich noch ein paar weitere Beispiele bringen:
Studenten sind üblicherweise politisch stark links orientiert. Die größte Begeisterung für den Kommunismus wird man vermutlich unter ihnen finden. Früher dachte ich, wenn Studenten eine bestimmte Meinung haben, hängt das mit ihrer herausragenden Intelligenz zusammen. Das erklärt allerdings nicht, weshalb die politische Meinung offensichtlich mit bestimmten Fachrichtungen zusammenhängt. Jura- und Wirtschaftsstudenten sind traditionell konservativer als Soziologie- und Philosophiestudenten. Es gibt für dieses Muster eine recht einfache Erklärung: die große Begeisterung für den Kommunismus gerade unter geisteswissenschaftlichen Studenten hängt möglicherweise damit zusammen, dass das Leben eines Studenten in vielen Aspekten dem idealen Wunschkommunismus entspricht. Jeder bekommt das Geld, das er benötigt, ohne dafür arbeiten zu müssen. Jeder hat Zeit, sich ohne wirtschaftliche Interessen mit Bildung und Kunst zu beschäftigen, Kontakte zu pflegen (halt, das war doch alles vor den Studiengebühren! aber dazu komme ich gleich…) und sich den Tag ohne nennenswerte Vorgaben selbst einzurichten. Das Studium war für viele ein Stück Freiheit zwischen Schule und Beruf. Und wenn Studenten über den Kommunismus sprachen, wie sie sich ihn vorstellen – also nicht, so wie er sich immer wieder in der Geschichte gezeigt hat – dann schildern sie ein Leben, das verblüffende Ähnlichkeiten mit ihrem Leben als Studenten hat. Gerade für Geisteswissenschaftler muss dieser Gedanke sehr verlockend sein, das Studentenleben auf diese Weise auszudehnen, weil für sie der Berufseinstieg oft mit vielen Unklarheiten behaftet ist. Der Sprung ist für sie härter und unsicherer als für Mediziner, Volkswissenschaftler und Juristen. Die haben oft schon ein erheblich klareres Berufsbild vor Augen und sehen sich schon Geld verdienen, das sie eben auch selbst verdienen möchten.
Nun aber zu den Studiengebühren: der grundsätzliche Kampf gegen Studiengebühren war eigentlich paradox, denn Studiengebühren sind in Kombination mit einem großzügigen Stipendiensystem wie in den USA ein sehr wirkungsvolles Umverteilungssystem! Wer zahlen kann, zahlt und unterstützt damit auch die Qualität der Lehre für die ärmeren Studenten. Aber so sozial wollte man dann doch nicht sein, sondern nur so, wie man ohnehin schon lebte…
Nun gibt es sie und auf einmal gibt es unter Studenten ein spürbar gesteigertes Leistungs- und Konkurrenzdenken, das schon sehr nach Kapitalismus riecht. Leider habe ich nicht verfolgen können, inwiefern dies die politische Einstellungen verschiebt.
Viele von ihnen verlieren regelmäßig ihr Interesse am Kommunismus, wenn sie ihre erste Gehaltsabrechnung in den Händen halten und lernen, was der Unterschied zwischen brutto und netto ist. Dann wird das Berufsleben ihre politische Einstellung bestimmen, die vorher nichts mit Alter oder Bildung, sondern einfach mit ihrem Leben zu tun hatte.
Aber nicht alle Strukturen bilden Meinungen allein über den Wunsch, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Es gibt auch ganz praktische Gründe, weshalb sich Meinungen entlang bestimmter Berufswege entwickeln können: Karriere in der Politik oder in der Wirtschaft werden vor allem diejenigen machen, die sich nicht zu sehr durch eine Familie binden. Bevorzugt sind dies urbane Singles oder Eltern ohne ausgeprägtes Interesse an den eigenen Kindern (was nicht ausschließt, dass sich bei solchen Menschen ein geradezu euphorisches Interesse an den Kindern anderer und deren Erziehung entwickeln kann). Der Lebensentwurf des Singles mit wechselnden Kontakten ist daher aus nahe liegenden Gründen das Konzept, das sich in der Meinungselite durchsetzen muss.

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