Christlicher Hexenwahn?

Die Hexenverfolgungen gegen das Christentum ins Feld zu führen, dürften zu dem gesicherten Grundbestand unserer Kultur gehören. Wer gebildet ist, ist a) kein Christ und sollte es b) mindestens mit den Hexenverfolgungen begründen können.

Nun bin ich jederzeit bereit zuzugeben, dass Christen viel Mist gemacht haben. Die Frage ist nur, ob es christlicher Mist war.
Die Hexenverfolgung beispielsweise diente vor allem der Abwehr von Schadenszauber. Die Menschen hatten eine heillose Furcht vor den Flüchen der vermeintlichen Hexen.

Der Witz ist nur: es gibt im Christentum überhaupt keinen Schadenszauber. Man kann hier geradezu von einem Kuriosum des Christentums sprechen, denn das ganze Heidentum ist tatsächlich voller Praktiken, die helfen sollen, den Schadenszauber zu vermeiden oder zu bekämpfen. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Religionswissenschaft auskennt, wird hierin ein verbreitetes Motiv in fast allen Kulturen wiederentdecken.
Aber im Christentum gilt: ein unverdienter Fluch trifft nicht ein (Sprüche 26,2). Die Begegnungen Jesu mit den gefährlichen Dämonen zeigen, dass für Christen das Thema gegessen ist. Dämonen haben nämlich eine Höllenangst vor Jesus!

Nun stellen sich allerdings zwei Fragen: 1. Wieso kam es dann zu den Hexenverfolgungen? 2. Wieso hat die Katholische Kirche hier so begeistert mitgemacht?

Zu 1: Allgemein war die Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts eine Zeit, die von den Umbrüchen der Reformation geprägt war. In dem Vakuum, das durch die Streitereien zwischen Katholiken und Evangelischen Christen entstand, wandten viele Menschen sich wieder verstärkt den alten Formen des Aberglaubens zu, die von der Katholischen Kirche immer nur mühsam unterdrückt wurden – nicht selten zu dem Preis, dass die Kirche den Aberglauben einfach übernahm. Durch den Zerfall ihres Machtmonopols, blühte der Aberglaube wieder auf. Der Brockhaus von 1969 nennt hier konkret: „altheidnische Sagenerinnerungen (Wetterhexe, Giftmischerin), orientalische-hellenistische Literaturtraditionen (Liebeszauber, Teufelsbuhlschaft) und zeitgenössische Phantasien“, die im europäischen Hexenwahn zusammenflossen.

Zu 2: In der Bevölkerung haben sowohl katholische als auch evangelische Männer und Frauen Hexen verfolgt. Hierbei muss man aber die Begriffe mit Vorsicht verwenden, weil die Zugehörigkeit zu einer Konfession damals vom Wohnort abhing. Interessanter ist das Vorgehen der Kirchen. Und hier galt die Hexenverfolgung tatsächlich als ein typisch katholisches Phänomen, das von evangelischen Theologen oft kritisiert wurde. Dieser Umstand wird heute gerne verschleiert, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um ein typisch christliches Phänomen.

Dass es in gewisser Hinsicht typisch für die Katholische Kirche war, liegt möglicherweise an ihrer traditionellen Praxis, Aberglauben lieber zu übernehmen, und ihm so den eigenen Stempel aufdrücken zu können. Im Falle der Hexenverfolgung war das noch nicht einmal besonders abwegig, denn es gibt Bibelstellen, durch die eine Hexenverfolgung bis zu einem gewissen Grade gedeckt werden: (z.B. 2.Mose 22,17; 5. Mose 18,10 hier werden übrigens die grausamen Praktiken des heidnischen Umfeldes angedeutet, in denen auch das Verbrennen bei lebendigem Leib dazu gehörte).

Offenbar war es für manche Theologen schwierig, dieses Gebot von den ganzen heidnischen Einflüssen und folkloristischen Phantasien zu trennen. Denn allein aus diesen Geboten hätte sich weder ein Hexenwahn noch eine Hexenverfolgung im bekannten Ausmaß ergeben können:
Der Hexenwahn macht keinen Sinn, wenn es keinen Grund gibt, sich vor Hexen zu fürchten. Die Hexenverfolgungen machen nur Sinn, wenn der Straftatbestand der Hexerei durch Zeugen belegt ist. Das entspräche dem alttestamentlichen Vorgehen. Die Bibel kennt keine Verhöre unter Folter, keine Zaubertricks in der Rechtsprechung, magischen Prüfungen und auch keine Verbrennungen als Todesstrafe!
Also alle Bestandteile, die aus einer ethischen Regel einer Religion ein Massaker machten, waren heidnischen Ursprungs.
Den Christen die Hexenverfolgung anzulasten ist so absurd wie der denkbare Vorwurf (vielleich späterer Generationen), die Christen hätten die Homosexualität gefördert. Klar gibt es Christen, die immer alles mitmachen und das Ergebnis dann möglicherweise sogar theologisch begründen und vielleicht sogar aktiver für ihre Sache eintreten als ihre Mitstreiter. Aber dass die Unterstützung der Homosexuellen eine typisch christliche Leistung ist, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen – unabhängig davon, wie man zu dem Thema steht.

Es ist eine Ironie der europäischen Geschichte, dass sich die Menschen gerade diesen heidnischen Einflüssen wieder mit Begeisterung zuwenden – und damit auch über kurz oder lang der Angst vor bösen Geistern, vor denen das Christentum die westliche Welt befreit hat.

Und es ist naiv, sich auch nur über die heidnische Angst zu ereifern, während man gleichzeitig bereit ist, seinen Wohlstand durch den Tod der eigenen Kinder zu erkaufen…

Der Verweis auf die Hexenverfolgung kommt mir daher nicht besonders ehrlich vor und dient möglicherweise eher politischen als ethischen Motiven. Irgendwie fällt mir dazu dieses Zitat ein:
„Der größte Volksschaden sind unsere Pfarrer beider Konfessionen. […] [Hitler führt hier das erste Beispiel zur Begründung seiner berüchtigten „Verordnung gegen Volksschädlinge“ aus; Anmerkungen MW]
Es wird der Augenblick kommen, da ich mit ihnen abrechne ohne langes Federlesen. Ich werde über juristische Zwirnsfäden in solchen Zeiten nicht stolpern. Da entscheiden nur Zweckmäßigkeitsvorstellungen. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren wird das ganz anders aussehen. Denn um die grundsätzliche Lösung kommen wir nicht herum. Glaubt man, dass es notwendig ist, die menschliche Gesellschaft auf einer Sache aufzubauen, die man als Unwahrheit erkannt hat, so ist die Gesellschaft gar nicht erhaltenswert. Glaubt man, dass die Wahrheit genügend Fundament sein kann, dann verpflichtet einen das Gewissen, für die Wahrheit einzutreten und die Unwahrheit auszurotten.
Jedes Jahrhundert, das sich mit dieser Kulturschande weiterhin belastet, wird von der Zukunft gar nicht mehr verstanden werden. Wie der Hexenwahn beseitigt werden musste, so muss auch dieser Rest beseitig werden!“ (Adolf Hitler, Tischgespräche in der Wolfsschanze, 8.2.1942)

Hitler hat Legende vom christlichen Hexenwahn verwendet, um gegen das Christentum mobil zu machen.

14 Gedanken zu „Christlicher Hexenwahn?“

  1. Das ist nur zum Teil richtig. Im Mittelalter war der Glaube an Hexen zunächst verboten, jemand konnte deswegen exkommuniziert werden (ob das auch angewandt wurde weiß ich aber nicht). Aber nach der großen Pest änderte sich das, und der Hexenwahn wurde langsam hoffähig. Bis ca. 1500 vor allem in Italien, später vor allem in Deutschland. Bekannt ist der Hexenhammer, der u.a. den „wissenschaftlichen“ Beweis für Hexen und den theolgischen Nachweis enthält, dass das päpstliche Verbot des Hexenglaubens die „wirklichen“ Hexen nicht trifft.

    Am stärksten war der Hexenwahn in Gebieten mit Kleinstaaterei, offenbar weil die Obrigkeit in Flächenstaaten das Grummeln im Volk, gegen Hexen würde zu wenig getan, leichter ignorieren konnte.

    Im Raum der katholischen Kirche war die Inquistion zuständig, in evangelischen Gebieten die weltliche Obrigkeit. Aber unterm Strich waren Katholiken und Protestanten genauso schlimm.

    Und die katholische Kirche hat nicht nur mit dem Hexenhammer die Hexenverfolgung anerkannt, sondern später waren es vor allem katholische Theologen (v.a. v.d. Spee), die den Hexenwahn in vorderster Front bekämpften.

    Dass Hexenwahn nicht christlich ist, auch wenn „Christen“ beider Konfessionen daran mitbeteiligt waren, stimmt natürlich. Zu dem Punkt habe ich keine Einwände. Am besten lässt sich der Hexenwahn mit dem verbinden, was heute mit dem Begriff „Stammtisch“ assoziiert wird.

    Helmut

  2. Also euer Blog ist für jeden halbwegs aufgeklärten Menschen schon recht starker Tobak – aber habt Ihr es wirklich nötig auch noch die Hexenverfolgungen zu relativieren?

    Eine sehr sophistische Unterscheidung: Von Christen aber nicht christlich! Genial – damit seid Ihr aus allem raus. Den Opfern wird jetzt ein Stein vom Herzen fallen.

    Natürlich war das sehr oft auch „christlicher Mist!“ Wie von jeder monotheistische Religion werden hier zunächst mal Andersgläubige ausgegrenzt (Du sollst keine anderen Götter…) und vernichtet.

    Die Hexenverfolgungen haben nunmal stattgefunden und zwar sowohl auf katholischer wie auch auf evangelischer Seite. Außerdem sind die „Hexen“ nicht die einzigen die von sogenannten Christen getötet wurden. Der Neoplatoniker Sopratos wurde bereits 335 von Konstantin hingerichtet unter Calvin stand auf Ehebruch und Gotteslästerung die Todesstrafe sogar andersdenkende Christen wurden von ihm gemeuchelt (unter anderem Servet wegen anderer Ansichten zur Trinität)

    Übrigens, das Hitler-Zitat ist ein ganz übler rhetorischer Trick mit dem man wunderbar jeden Gegner in ganz bestimmte Ecken stellen kann. (Hitler hatte übtrigens auch gewaltig was gegen Homos)

    Jungs Ihr lauft mit Scheuklappen durch die Welt.

    sapere aude

  3. @Helmut
    danke für die Ergänzungen. Auf den Hexenhammer wollte ich allerdings nicht näher eingehen, weil er einen eigenen Beitrag wert ist. Kommt demnächst sicher auch noch.

    @sapere aude
    tut mir leid, wenn wir dich irritieren.

    Die Unterscheidung ist sophistisch? Dann war vielleicht doch Hitlers Nase schuld…schluck!

    Nun zum Monotheismus: Monotheisten sind gewalttätig, weil sie keine anderen Götter dulden. Klingt logisch. Ist aber Unfug.
    Polytheismus heißt keineswegs, dass jeder seinen eigenen Gott einbauen darf! Und Buddhisten, die eigentlich gar keine Gottesverehrung kennen, reagieren auch nicht gerade tolerant auf den Glauben eines Monotheisten (ja, es gibt buddhistische Christenverfolgungen).
    Auf der anderen Seite erklärt diese populäre Logik nicht, weshalb es gerade in christlichen – mithin monotheistischen – Staaten zu den modernen Freiheiten kam, die wir heute genießen.
    Ich habe keine Ahnung, wer diese These vom gewalttätigen Monotheismus aufgebracht hat. Sie sagt vermutlich mehr über die Gesellschaft aus, die sie glaubt, als über den Monotheismus.

    Ob es zur Gewalt kommt, liegt an anderen Dingen: einmal spielt hier die subjektive Bedeutung des Themas eine Rolle, für das gestritten wird. Aber auch, und das ist noch wichtiger, die Konzeption der Begriffe „gut“ und „böse“.
    Aber dazu gibt es in den nächsten Tagen vermutlich einen neuen Beitrag.

    Gruß
    MW

  4. Danke für deine Antwort. Erstmal – irritieren tut ihr mich nicht. Ich habe viele pietistisch, freireligiöse, evangelikale Verwandte da kann einen eigentlich nichts mehr erschüttern. Das ist übrigens der Grund weshalb ich mich für euren Blog interessiere mir, liegt nämlich viel an diesen Leuten.

    Der Hinweis auf buddistische Christenverfolgung ist die Ausnahme die die Regel bestätigt – anscheinend bekommen die nicht euren Freibrief. Diese Buddisten verhalten sich nämlich auch nicht buddistisch.

    Die These vom gewalttätigen Monotheismus drängt sich auf wenn man die Geschichte verfolgt. Aber wenn du darüber mal was lesen willst empfehle ich: Jan Assmann – Monotheismus und die Sprache der Gewalt.

    Warum es gerade in christlichen Staaten zu den modernen Freiheiten kam liegt sicher zuallerletzt am Christentum. Ich versteige mich zu der These, dass es eigentlich seltsam ist, dass wir trotz Christentum diese Freiheiten genießen. Denn das Christentum hat alles dafür getan die Freiheit des einzelnen zu beschneiden,es unterstützt die Obrigkeiten, verspricht allen unterpriveligierten jenseitige Freuden. Es wurden im Namen des Christentums ganze Bibliotheken verbrannt (im Islam auch), Wissenschaftler verfolgt, ihre Erkenntnisse unterdrückt. Wo wären wir heute ohne den Druck des Klerus im Mittelalter. Das zieht sich bis heute durch – Stichwort Ethikkommission. Die heutigen Freiheiten verdanken wir Leuten wie Spinoza, Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Kant um nur einige zu nennen. Einzig der Calvinismus mit seinem Arbeitsethos und dem damit
    verbundenen Gewinnstreben- hier war der wirtschaftliche Erfolg ein Zeichen für das Heil im Jenseits- hat den Kapitalismus und damit wohl auch unseren Wohlstand befördert. Aber, und das wollte ich schon lange mal erfahren, aufgrund welcher Bibelstellen kam Calvin zu diesen Schlussfolgerungen?

    Ansonsten bleibe ich dran. Ich bin gespannt auf den gut/böse Beitrag.

    Bis dann

    sapere aude

    P.S. Ich wundere mich, dass so wenig Kommentare zu euren Beitägen geschickt werden – mir fällt zu fast jedem etwas ein. Woran liegts? Kocht Ihr nur im eigenen Saft – wo sind die bösen Liberalen mit der anderen Meinung?

  5. Es gibt sehr wohl „Christen“, die Mist bauen, aber es gibt keinen „christlichen Mist“.

    Christlich kommt schließlich von Christus, und der hat was ziemlich anderes vertreten, als das, was von manchen Leuten in der Vergangenheit betrieben wurde. Dass das unter dem Deckmantel der Kirchen geschah, ist zwar bedauerlich, zieht aber nicht alle Christen mit in den Dreck, die sich TATsächlich entschlossen haben, Jesus Christus nachzufolgen.

    Wann werden wir endlich verstanden haben, dass nicht alles was sich christlich nennt, auch „christlich“ ist?! Die Leute, die da im besagten Felde tätig waren, hatten auf jeden Fall nicht den Gott im Kopf, der sich durch Jesus offenbart hat, sondern (freundlich ausgedrückt) alles, was ihre Interessen wie Macht, Geld usw. vorantrieb.

    Aber es gibt auch heute noch Leute, die trotz ihres christlichen Glaubens nichts böses im Sinn haben – was im Widerspruch zu einigen Kommentaren hier steht.

    Übrigens ist diese These superleicht anhand dessen nachzuprüfen, worauf sich alle „Christen“ berufen, nämlich auf die Lehre Jesu, nachzulesen in den Evangelien! Kann ich nur empfehlen, dann gibt es keine Verwechslungen mehr ;o)!

    ps: zum Thema „buddhistische Christenverfolgung ist die Ausnahme“-
    1. schon mal was von Christenverfolgung in Afrika unter dem Islam, im Osten unter dem Kommunismus, in den vorigen Jahrhunderten durch die katholische Kirche gehört?
    2. bitte ein Beispiel bibeltreuer Christen (im Zweifelsfall nachzuprüfen an der Bibel!), die andersgläubige verfolgen. Es ist schade zu sehen, dass sich viele Kritiker des Christentums nicht die Mühe gemacht haben, sich vor der Kritik kundig zu machen über das, worauf sich das Christentum beruft (nicht das, was sich irgendwelche Bischöfe dazu einfallen ließen)…

    Komisch, eigentlich Grundlage jeder sachlichen Diskussion (warum sind diese religiösen Diskussionen nur immer so dermaßen unsachlich ? ;O)

  6. Liebe Freunde!
    Seid nicht enttäuscht, aber bevor ihr falsche Vorurteile aufwärmt und euch drüber aufregt oder verteidigt, bringt euch erstmal auf einen seriösen Wissensstand. Fallt jetzt nicht vom Stuhl, aber es war alles ganz anders. Kirche hatte mit Hexenverfolgung nichts zu tun, weil in Europa in der Regel die Zuständigkeit für Zauberei und Hexenverfahren bei den weltlichen Gerichten lag. Nur in wenigen Fällen und nur ganz zu Anfang haben kirchliche Inquisitionsgerichte Hexereiverfahren abgehalten.
    Hexenprozesse fanden in katholischen Gegenden genauso wie in evangelischen Gegenden statt, aber wiederum in extrem katholischen Gebieten wie in Spanien waren die kein Thema. Wie das wohl kommt? Weil das ganze mit Kirche als Institution garnichst zu tun hatte.
    Dass die ganze Sache mit Religion und Aberglaube zu tun hatte und viele Geistliche mitgemischt haben mögen ist eine andere Sache, aber die wußten es eben nicht besser. Aber in der damaligen Zeit wird man in Europa fast keinen Menschen finden, der sich nicht als Christ verstanden hat, auf Seite der Hexen und Hexer genauso wie auf Seiten der Richter.
    Bevor ihr jetzt weiter diskutiert, macht euch bitte, bitte die Mühe und lest den Aufsatz von Dr. Thomas Becker: „Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit“. Der Text ist zu beziehen unter http://www.ezw-berlin.de.
    Der Artikel wurde als Vortrag gehalten bei einer Tagung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen ( eine offizielle Einrichtung der Evangelischen Kirche). Er ist abgedruckt im Deutschen Pfarrerblatt 1/2007. Dr.Becker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Bonn, also absolut seriös. Er hat für seinen Aufsatz die Gerichtsprotokolle ausgewertet, was wohl sicher keiner von euch getan hat, die hier auf der Seite sonst schreiben und mit Vorurteilen oder Halbwahrheiten um sich werfen.
    Viel Spaß beim lernen

  7. Hallo Allerseits-

    mir scheint, da habe ich in ein Wespennest gestochen. Hier kommt ja richtig Stimmung auf.

    Eve hat meine Anmerkung etweder nicht richtig gelesen oder nicht verstanden. Zunächst will ich mit meinen Beiträgen niemand in den Dreck ziehen. Zu These 1: Der Islam ist eine monotheistische Religion, mithin gewaltbereit. Zu 2: bibeltreue Christen verfolgen und bestrafen Abtreibungsärzte aber vielleicht zählen die nicht zu den Andersgläubigen.

    Und dann Eve – sachlich oder unsachlich – wenn ein Thema emotionsbeladen ist, dann doch wohl das Thema Religion da wird mit heißem Herzen diskutiert.

    Zu Henning: Eigentlich hast du recht. Die Kirche und die Inquisition hat Hexen in der Regel der weltlichen Gerichtsbarkeit überstellt. Aber so ein Blog muß schon etwas vereinfachen sei nicht so streng von wegen Vorurteile und Halbwahrheiten – Gut, da wird viel durcheinandegeworfen Hexen, Ketzer, Konvertiten, Andersgläubige (Juden) alles in einen Topf – der Spanische Inquisitor Torquemada zum Beispiel( ein Dominikaner) hat in 15 Jahren ca. 8.000 Menschen auf den Scheiterhaufen geschickt- keine Hexen sondern vor allem Konvertiten und Häteriker.

    Zum Thema Kirche als Institution: Das zweite Laterankonzil im Jahre 1139 befiehlt allen Machthabern Ketzer zum Gehorsam zu zwingen, das Dritte 1179 verkündet scheinheilig das die Kirche nicht nach Blut verlange, aber dass ihr die weltlichen Gerichte helfen müssten; denn die Menschen suchten nach wirksamen Mitteln um der körperlichen Züchtigung zu entgehen. Dann war da noch der Erlass Lucius‘ III auf dem „Konzil“ von Verona 1184 danach mußten alle weltlichen Machthaber eidlich vor ihren Bischöfen geloben weltliche und kirchliche Gesetze gegen Andersdenkende voll wirksam werden zu lassen – bei Strafe der Absetzung und Excommunikation.

    Ich habe den Aufsatz von Dr. Thomas Becker: „Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit“ noch nicht gelesen vielen Dank für den Tipp. Wenn’s nicht gar zu kompliziert ist werde ich versuchen ihn mir zu besorgen.

    Tschüs dann

    sapere aude

  8. @sapere aude
    das Buch von Jan Assmann ist mir bekannt, aber es überzeugt mich nicht. Ich teile auch seine Geschichte des Judentums nicht. Hier scheint mir das grundsätzliche Problem zu bestehen, dass der bildlose Gottesglaube nicht ausgrabbar ist. D.h. man kommt über Funde automatisch immer nur auf das, was in der Bibel als „Götzendienst“ bezeichnet wird und hält den Glauben an Jahwe für zu jung.

    „Der Hinweis auf buddistische Christenverfolgung ist die Ausnahme die die Regel bestätigt – anscheinend bekommen die nicht euren Freibrief. Diese Buddisten verhalten sich nämlich auch nicht buddistisch.“

    Auf jeden Fall gilt für beide gleiches Recht: entweder man betrachtet die Menschen oder die Lehre. Ansonsten gebe ich dir recht.

    „Warum es gerade in christlichen Staaten zu den modernen Freiheiten kam liegt sicher zuallerletzt am Christentum. Ich versteige mich zu der These, dass es eigentlich seltsam ist, dass wir trotz Christentum diese Freiheiten genießen.“

    Das ist keineswegs gewagt, sondern genau die Position, die du auch in den Schulgeschichtsbüchern findest. Man „wundert“ sich genau darüber und insbesondere, dass gerade der ach so strenge Calvinismus hier am meisten geleistet hat. Man wundert sich, aber keiner macht sich über den möglichen Zusammenhang Gedanken. Und irgendwie gelingt es durch diese Ausbildung tatsächlich, die Menschen von dem offensichtlichen abzuhalten: nämlich von der Frage „Warum entsteht Freiheit immer in christlichen Ländern?“ (z.B. auch in Südkorea im Gegensatz zum atheistischen Nordkorea). Man wundert sich eben nur ein bisschen.

    „Denn das Christentum hat alles dafür getan die Freiheit des einzelnen zu beschneiden,es unterstützt die Obrigkeiten, verspricht allen unterpriveligierten jenseitige Freuden. Es wurden im Namen des Christentums ganze Bibliotheken verbrannt (im Islam auch), Wissenschaftler verfolgt, ihre Erkenntnisse unterdrückt. Wo wären wir heute ohne den Druck des Klerus im Mittelalter. Das zieht sich bis heute durch – Stichwort Ethikkommission.“

    Das zieht sich i.W. ALLES bis heute durch, nur dass die Leute sich nicht mehr als Christen bezeichnen.
    Um näher darauf einzugehen, sind mir das etwas zu viele Themen. Zu dem Punkt mit der Opium-These blogge ich vielleicht demnächst noch etwas.

    „Die heutigen Freiheiten verdanken wir Leuten wie Spinoza, Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Kant um nur einige zu nennen.“

    Die Kämpfe um die Demokratie waren zu dieser Zeit schon ausgefochten worden – von calvinistischen Freikirchlern übrigens!
    Ebenso gab es auch schon die Religionszweiheit, mit all ihren Schwächen.
    Die Aufklärung wollte allerdings im Gegensatz dazu nicht die völlige Freiheit, sondern die Unterordnung aller Religionen unter eine neue Weltanschauung: eben die Aufklärung!

    „Einzig der Calvinismus mit seinem Arbeitsethos und dem damit
    verbundenen Gewinnstreben- hier war der wirtschaftliche Erfolg ein Zeichen für das Heil im Jenseits- hat den Kapitalismus und damit wohl auch unseren Wohlstand befördert. Aber, und das wollte ich schon lange mal erfahren, aufgrund welcher Bibelstellen kam Calvin zu diesen Schlussfolgerungen?“

    Aufgrund gar keiner Bibelstellen. Calvin wäre verzweifelt gewesen. Alles zur Ehre Gottes zu tun wäre in seinem Sinne gewesen ebenso wie die Aufwertung nicht-klerikaler Tätigkeiten. Also auch der Bäcker dient Gott mit seiner Arbeit, nicht nur der Priester.
    Aber die Heilsgewissheit am Reichtum festzumachen, mag einer der peinlichsten Auswüchse des Calvinismus gewesen sein, der ganz sicher nicht im Sinne Calvins war (ich habe meine Examensarbeit darüber geschrieben).

    Gruß
    Moorwackler

  9. Hi Moorwackler,

    jetzt wird’s schwierig. Mir leuchtet die Assmannsche Argumentationskette ein. Genauso leuchtet mir die Position der Schulgeschichtsbücher ein. Und die calvinistischen Freikirchler Demokraten zu nennen, puh – da komm ich nicht mit! Oder ist es demokratisch den politischen Gegner hinzurichten. Nebenbei, das finde ich noch viel peinlicher als die Heilsgewissheit am Reichtum festzumachen.

    Schade, uns trennen wohl Welten

    sapere aude

  10. Hi,

    im England des 18. Jahrhunderts war die politische Debatte der Regierungsform eine Verlängerung der konfessionellen Auseinandersetzungen um die Kirchenordnung. Die RKK setzte sich für die Monarchie ein (sie ist selbst eine konfessionelle Monarchie), während die sog. „Independenten“ ihre demokratischen Gemeindestrukturen auch im Staat sehen wollten. Man kann also sagen, dass die Demokratie in calvinistischen Kirchen begann, bevor sie in die Politik ging.
    Als das Leben für die Independenten in England immer schwieriger wurde, flohen sie als „Pilgerväter“ nach Amerika und verwirklichten dort ihre Träume von einer Demokratie, in der alle Menschen ohne gesellschaftliche Schranken ihr Leben in die Hand nehmen können.
    Die Franz.Rev. speiste ihre Ideen nicht zuletzt aus dem Vorbild des freien Amerika der calvinistischen Hugenotten. Leider ist die atheistische Version der Befreiung in Frankreich in einem Desaster geendet.

    Calvin hat keine politischen Gegner hingerichtet. Servet war ein Irrlehrer aber kein politischer Gegner. Calvin hat ihm zwar seine Irrlehren nachgewiesen – er hatte nur die Rolle eines theologischen Sachverständigen-, sich aber dafür eingesetzt, dass er deswegen nicht verbrannt wird, sondern die mildere Todesstrafe durch das Schwert erhält. Die Vorstellung, Irrlehrer töten zu müssen war damals gängig, neu war die calvinistische Forderung, hier Mäßigung zu üben.
    Calvinisten waren auch diejenigen, die die Trennung von Staat und Kirche verlangten (allerdings wieder später in England).
    Das moderne Calvinbild entstand im Wesentlichen durch eine Schmähschrift eines persönlichen Feindes von Calvin und durch die Weber-These zum Kapitalismus, die eigentlich die Kultur des Calvinismus beschreiben sollte und nicht calvinistische Theologie an sich.

    Gruß
    Moorwackler

  11. Hallo,

    Na ja, jetzt kann man wieder geteilter Meinung sein. Also war Servet kein politischer Gegner. Obwohl da in einem „Kirchenstaat“ die Grenzen schwer zu ziehen sind. Oppositioneller war Servet auf jeden Fall. Und er war nicht der Einzige. Allein in der Zeit von 1542 bis 1546 soll Calvin 58 Gegner hingerichtet und 78 verbannt haben.

    Das Calvin den damaligen Zeitgeist traf, und er augrund seiner Korrespondenz großen Einfluss in England aber wohl auch in Holland gewann will ich nicht bestreiten.

    Es ist gut möglich, dass über Amerika (die damaligen englischen Kolonien) calvinistisches Gedankengut die französische Revolution beeinflusste. Allerdings beeinflusste die atheistische französische Revolution wiederum die neue amerikanische Verfassung. Eigenartig nur, das im calvinistisch beeinflussten Frankreich eine der härtesten Säkularisierungen durchgeführt wurde und das Frankreich bis heute die allerstrikteste Trennung zwischen Staat und Kirche vollzieht. Das zeigt sich z. B. in der Ablehnung des Gottesbezugs in der europäischen Verfassung.

    Grüße

    sapere aude

  12. Hi,

    „Na ja, jetzt kann man wieder geteilter Meinung sein. Also war Servet kein politischer Gegner.“

    Er war kein Politiker, hatte m.W. keine politischen Ambitionen in Genf und konnte schon deswegen kein politischer Gegner sein, weil Calvin in Genf gar kein politisches Amt inne hatte!“

    „Obwohl da in einem „Kirchenstaat“ die Grenzen schwer zu ziehen sind.“

    Nein, in Genf gab es eine ganz normale Stadtverwaltung (oder wie man das damals nannte) und die Kirche hatte keine politische Funktion. Der Unterschied zu heute bestand allerdings tatsächlich darin, dass nach christlichen Maßstäben regiert wurde -naja, jedenfalls war das der Anspruch. Da hat sich (wie gezeigt) viel Aberglaube und heidnisches eingeschlichen. Aber die Kirche hatte hier keine Stellung, die den Begriff „Kirchenstaat“ rechtfertigt.

    „Und er war nicht der Einzige. Allein in der Zeit von 1542 bis 1546 soll Calvin 58 Gegner hingerichtet und 78 verbannt haben.“

    Da Calvin kein politisches Amt besaß, konnte er weder das Eine noch das Andere. Allerdings genoss er hohes Ansehen und konnte im Rat der Stadt oft seinen Willen geltend machen. Es waren aber tatsächlich keine politischen Gegner, sondern theologische Auseinandersetzungen, in denen Calvin zunehmend das Gespür dafür zu verlieren schien, ob er für das Reich Gottes oder für sich selbst stritt. Man muss daher klar sagen: Ja, Calvin war viel zu streng und nach meiner Einschätzung in einer zu starken Position. Hier hätte er sich auf die Kirchenzucht beschränken sollen.

    „Allerdings beeinflusste die atheistische französische Revolution wiederum die neue amerikanische Verfassung.“

    Die Franz.Rev. fand zwei Jahre nach der Verabschiedung der amerikanischen Verfassung statt.

    „Eigenartig nur, das im calvinistisch beeinflussten Frankreich eine der härtesten Säkularisierungen durchgeführt wurde und das Frankreich bis heute die allerstrikteste Trennung zwischen Staat und Kirche vollzieht. Das zeigt sich z. B. in der Ablehnung des Gottesbezugs in der europäischen Verfassung“

    Ich sage ja gerade, dass sie nur Versatzstücke übernahmen aber im Wesentlichen atheistisch blieben.
    Die Trennung von Kirche und Staat geht aber ebenfalls auf die Independenten Englands zurück – hier kenne ich mich aber nicht so genau aus. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie sie sich das praktisch vorgestellt haben, als Minderheit kann man so etwas natürlich immer leicht fordern…

    Mich überzeugt auch die französische Haltung nicht, denn es scheint einen fließenden Übergang von der vermeintlichen „Neutralität“ des Staates hin zu einer „Religionsfeindlichkeit“ zu geben. Ist aber vielleicht ein eigenes Blogthema.
    Nur soviel: mir scheint, dass es nicht dasselbe ist, einen neutralen Staat oder die Trennung von Staat und Kirche zu fordern. Für dieses bin ich, für jenes nicht – und halte es (wenn man ehrlich ist) für eine Chimäre.
    Aber wie gesagt, hierzu gibt es demnächst noch einen Blog, wenn Gott will und wir leben.

    Gruß Moorwackler

  13. Ein vergleichbarer christlicher Hexenwahn hat doch bereits wieder begonnen. Es geht doch diesmal u.a. auch gegen „Hexen“, z.B. den Wicca-Hexen und andere Esoteriker, deren Angänger sich teilweise selbst so bezeichnen! Aber es geht auch, bzw. vor allem, gegen Atheisten, Neopaganisten, Satanisten, Heavy Metal-Fans, und viele mehr.
    Da fragt man sich doch mit Besorgnis: „Wann werden die ersten evangelikalfundamentalistischen Fanatiker den ersten Scheiterhaufen anzünden?“!

  14. wir zünden keine scheiterhaufen an, lieber hartmut. mit dem „wir“ bezeichne ich christen, welche ernsthaft in der nachfolge von Jesus Christus stehen und sich deshalb mit recht so nennen dürfen. denn unser kampf, sagt das wort Gottes, richtet sich nicht gegen fleisch und blut (also gegen menschen), sondern gegen die mächte und gewalten der lüfte. zum kampf gegen satan und seine dämonen, welche ihr zerstörerisches werk auf dieser welt tun wollen, sind wir als geistige menschen in der nachfolge christi berufen. Satan ist der Feind Gottes, der versucht, seine schöpfung in den abgrund zu reissen. er ist der vater der lüge, er ist der nachäffer, der imitator des guten, das von Gott kommt. darum ist er manchmal leider erfolgreich bei menschen, die die wahrheit nicht kennen. jesus hat alle menschen, die zu ihm kamen, als solche in liebe angenommen, aber deren sündhaftigkeit hat er nicht geteilt. so sollen (und das sage ich mit nachdruck) auch wir tun, indem wir den menschen, die Gott nicht kennen, Seine Liebe nahebringen, damit sie durch das Evangelium von Jesus frei werden von jeder geistigen bedrückung und sklaverei. denn der mensch ist geschaffen, einem Herrn zu dienen; dient er Satan, hat er die schlechtmöglichste wahl getroffen, dient er dem lebendigen Gott, hat er das leben im überfluss.

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