Schafft die Entwicklungshilfe ab!

Die Entwicklungshilfe trat Anfang der 50er Jahre an, um – im Gegensatz zur Mission – eine säkulare Methode zur Bekämpfung des Elends in der Welt zu proben. Im Vordergrund steht seitdem nicht mehr die jeweilige Kultur und ihre weltanschauulichen Grundlagen für Armut und Ungerechtigkeit, sondern die Wirtschaft.
Entwicklungspolitik bedeutete damals vor allem, Geld zu geben. Leider musste man die Erfahrung machen, dass Geld eine natürliche Fließrichtung in die falschen Hände zu besitzen scheint: ungewollt finanzierte man Bürgerkriege und – was langfristig vielleicht noch dramatischer ist – die Umverteilung des Landes von den Armen zu den Reichen!
Aufgrund dieser Erfahrungen begann man, den Geldstrom immer mehr zu lenken – ohne die Probleme in den Griff zu bekommen. In ihrem Buch „Tödliche Hilfe“ führt Brigitte Erler umfassend, kompetent und mit spürbarer Betroffenheit ihre Gründe aus, ihre Stelle als Referentin im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit fristlos zu kündigen. Sie kommt zu dem Schluss: „Entwicklungshilfe trägt dazu bei, in den meisten Entwicklungsländern ausbeuterische Eliten an der Macht zu halten und im Namen von Modernisierung und Fortschritt Verelendung und Hungertod zu bringen.“ (S.9)
Entweder flossen die Gelder direkt in die Hände der Reichen und Mächtigen der Länder, oder es wurden Betriebe gebaut, die zwar Arbeitsplätze schafften, aber gleichzeitig die einheimische Industrie zerstörten. Im besten Fall kassiert die Regierung der jeweiligen Länder das Geld für Entwicklungshilfe ein, um ihre eigenen Projekte günstig zu finanzieren.
Frau Erler schreibt:
„Die meisten Menschen in der dritten Welt leben auf dem Lande und von der Landwirtschaft. Die Modernisierung der Landwirtschaft raubt den Subsistenz- und Kleinbauern wie in Bangladesh Grund und Boden und damit ihre Existenzgrundlage. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft wie in weiten Teilen Afrikas, wo im Sahel feinste Bohnen produziert werden, schränkt den für die eigene Ernährung verfügbaren Boden ein. Sie macht die Bauern von einem weit entfernten und nicht beeinflussbaren Markt abhängig (das gilt auch für Organisationen, wie „TransFair“, Anm. MW). Den Todesstoß versetzt ihnen dann die Nahrungsmittelindustrie, welche die Eigenproduktion ortsüblicher Nahrungsmittel unrentabel macht.“ (S.83)

Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass sich kaum ein Entwicklungshelfer die Finger schmutzig machen will: Verhandelt wird am Telefon, man schläft in den luxuriösesten Hotels (die oft nur von Entwicklungshelfern bewohnt werden) und fährt in europäischen Nobel-Geländewagen durch die Savanne.
Auf diese Weise kann man keine tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen herbeiführen, sondern sie nur finanzieren und dadurch verschlimmern. Entwicklungshilfe muss sich den Vorwuft gefallen lassen, den Korruptionsapparat „von oben bis unten“ (Erler, S. 84) am Laufen zu halten und die Reichen von ihrer Steuerpflicht völlig zu entbinden.

Nun fragt man sich, wieso dies nicht zu einem Aufschrei in der Bevölkerung führt. Ganz einfach, weil alle Beteiligten einen Nutzen davon haben, außer denen, für welche die Hilfe gedacht ist. Die deutsche Industrie lässt sich Investitionen bezahlen, die einheimischen Eliten der Entwicklungsländer verdienen sich eine goldene Nase, die deutschen Politiker stehen als Gutmenschen da, und die Medien können immer nur über einzelne Probleme in der Entwicklungspolitik berichten, wenn sie zufällig darauf stoßen.
„So betreiben die deutsche Industrie, die deutsche Bürokratie und die herrschenden Schichten in den Entwicklungsländern in schöner Eintracht ihre gemeinsamen Interessen voran. Ihre Zielgruppe sind die Ärmsten der Armen – als Opfer.“ (Erler, S. 86)

Derzeit fordern Globalisierungsgegner in Heiligendamm eine Aufstockung des Etats für Afrika auf 50Mrd Euro. Das würde Afrika vermutlich den Rest geben…

Zu allem Überfluss hat die Entwicklungshilfe ihr ursprüngliches Ziel, rein wirtschaftliche Hilfe zu leisten, ohne die Kultur zu verändern, so weit verlassen, dass der Unterschied zur Mission obsolet ist: Als Beispiel dienen der Ausgabenplan des „evangelischen Entwicklungsdienstes“. 2006 wurden 9,7% der Fördergelder in Bildung investiert, 9,6 in Gesundheit, 7,2 in „Landwirtschaft, Kleingewerbe, Kleinkredit“, 2,5 in den Bereich „Wiederaufbau, Katastrophenvorsorge“, 2,2 in „Umwelt und Wasser“ und 0,3 in „Infrastruktur und soziale Dienste“.
Wo aber blieben die übrigen 68,5%? Die größten Blöcke waren mit 32,7% der Bereich „Integrierte ländliche Entwicklung und städtische Entwicklung“ und die „Stärkung der Zivilgesellschaft“ mit 23,2%. Mit 11,6% noch einer der größten Bereiche nennt sich „Menschenrechte, Frieden, Demokratie“, und mit 1% werden „Medien und Kommunikation“ gefördert. Das klingt sehr nach dem Aufbau einer Gesellschaft nach westlichem Vorbild (Frau Erler spricht von „Spielwiesen der Emanzipation“ und nennt als Beispiel die oft sehr kaltschnäuzige Familienplanung an, die durchaus auch gegen den Willen der Länder eingefordert wird!).

Letztlich ist dies aber eine unfreiwillige Bestätigung der Mission: Gesellschaft verändert sich dort, wo Menschen sich verändern. Den Rest erledigen sie dann am besten ohne fremde und demütigende Eingriffe von außen.

6 Gedanken zu „Schafft die Entwicklungshilfe ab!“

  1. Solcherlei Kritik an Entwicklungshilfe ist ja so neu nicht. Sicherlich ist sie auch nicht ganz unberechtigt. Problem: Ein besseres Konzept zu finden ist nicht gerade einfach. Dieses dann auch noch umzusetzen beinahe unmöglich.

    Den letzten Absatz hier halte ich dementsprechend für geradezu naiv und ignorant. Leider, leider hat es ja Mission in ihrer langen Geschichte nicht geschafft, irgendwelche Lebensverhälnisse zu verbessern. In der Vergangenheit eher im Gegenteil… Außerdem reduziert ein derartiges Statement die Sicht ausschließlich auf endogene Probleme. Dass die Armut der Drittweltländer aber nicht (nur) hausgemacht ist, sollte so schwer doch nicht zu erkennen sein.

  2. DER SPIEGEL 11. Juni 2007, 08:48
    Warum Afrika dank Entwicklungshilfe im Elend verharrt

    Der G-8-Gipfel bringt Afrika ein neues 60-Milliarden-Programm zur Krankheitsbekämpfung. Doch das Geld schadet mehr, als dass es hilft. Rocksänger und Politiker sollten sich lieber auf Musik und Ausschussarbeit konzentrieren, statt Afrika mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimzusuchen
    http://www.spiegel.de/dertag/pda/avantgo/artikel/0,1958,487746,00.html

  3. @Laura
    Den letzten Absatz könnten die meisten Entwicklungshelfer vermutlich sogar unterschreiben, wenn ich nicht ausdrücklich das Wort „Mission“ verwendet hätte: Enwicklungshilfe behauptet schon lange „Hilfe zur Selbsthilfe“ anzubieten.
    Und die Beispiele dafür, wie die Spendengelder in der EH verwendet werden, zeigen deutlich, dass man auch den letzten Teil des Satzes unterschreiben würde – solange die Menschen nicht im Sinne des Christentums geprägt werden. Aber selbstverständlich sollen sie geprägt und verändert werden. Oder denkst du, eine erzpatriarchale Gesellschaft wird ohne Überzeugungsarbeit und massiven politischen und finanziellen Druck von sich aus Mädchenbildung fördern? Also aus eigenem Antrieb, wenn die Entwicklungshelfer wieder fort sind und keine weiteren Geldströme mehr zu erwarten sind? Und dies ist ja ein wichtiger Teil der modernen Entwicklungshilfe.

    Und auch Entwicklungshelfer müssen zugeben, dass die Arbeit der Kirchen nicht eben schlechte Früchte gebracht hat (habe ich von einer Mitarbeiterin des Bundesamtes für wirtschaftliche Zusammenarbeit gehört).
    Beispielsweise soll gerade der Teil in Indien, in dem heute die weltweit gesuchten IT-Fachkräfte angeworben werden, ein protestantisches Missionsgebiet sein. Wieso sollte der Protestantismus in anderen Ländern auch weniger Wohlstand bringen als in Europa?

    Dieses und viele ähnliche Beispiele zeigen: es mag exogene Gründe für Armut geben. Aber wo die endogenen beseitigt werden, halten die exogenen ein Volk nicht auf, sich zum Wohle aller zu entwickeln. Der umgekehrte Weg – erst die exogenen Benachteiligungen abschaffen- hat meines Wissens noch nie funktioniert. Im Gegenteil! Gerade die Länder, die beispielsweise über besondere Bodenschätze verfügen und damit sogar bevorzugt sind, sind überzufällig häufig Diktaturen (gibt es eine Dissertation zu), in denen der ganze Reichtum in die Hände der Reichen gelangt und die Bevölkerung darbt.
    Die unverantwortlichen Geldströme in arme Länder scheinen ähnlichen Mechanismen unterworfen zu sein.
    Gruß
    Jochen

  4. „Oder denkst du, eine erzpatriarchale Gesellschaft wird ohne Überzeugungsarbeit und massiven politischen und finanziellen Druck von sich aus Mädchenbildung fördern?“

    Widersprichst Du Dir damit nicht selbst? Oder ist äußerer Einfluss in Deiner Theorie doch vonnöten?

    Außerdem wollte ich gar nicht grundsätzlich bestreiten, dass Entwicklungshilfe tendenziell kontraproduktiv ist. Nur die Überleitung zur Mission fand ich… naja, zumindest simplifizierend. Und auch ich als Christ muss doch ehrlich genug sein um zuzugeben, dass Mission in den vergangenen ca. 500 Jahren Verhältnisse geschaffen hat, an denen die Welt zum Teil noch heute krankt. Das mag jetzt auch etwas überspitzt sein, aber dass in früheren Jahrhunderten Mission und Kolonisation Hand in Hand gingen, ist eine unbestreitbare Tatsache.

    PS: Wir würden uns über einen Linkaustausch im Blogroll sehr freuen. :)

  5. „Widersprichst Du Dir damit nicht selbst? Oder ist äußerer Einfluss in Deiner Theorie doch vonnöten?“

    Wieso widersprechen? Ich trete doch gerade für die Mission ein und habe mit dem Beispiel „Mädchenbildung“ nur gezeigt, dass Mission im Prinzip auch in der Entwicklungshilfe läuft – nur unter anderen Namen (Aufklärung etc.). Die Frage, ob das Vorgehen in diesem Beispiel sinnvoll ist, habe ich bewusst ausgeklammert.

    „Und auch ich als Christ muss doch ehrlich genug sein um zuzugeben, dass Mission in den vergangenen ca. 500 Jahren Verhältnisse geschaffen hat, an denen die Welt zum Teil noch heute krankt.“

    Also die Welt krankt daran, dass Menschen von dem Gott hören, der seinen Sohn geopfert hat, und alle die an ihn glauben gerettet werden?
    Meinst du das wirklich so oder anders?

    Gruß
    Jochen

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